FF-Livecast – Über Authentizität, Präsenz und den Mut zum unperfekten Moment

Vor einigen Jahren entstand ein Projekt, das mich weit mehr beschäftigte, als es die Zahl seiner Ausgaben vermuten lässt. Es trug den Namen FF-Livecast – „FF“ als Kürzel für Form and Formless, unter dem ich seit vielen Jahren arbeite.

Die Idee entstand 2011, lange vor der Pandemie. Auslöser war unter anderem ein Livestream von Radiohead, den ich damals gesehen hatte. Mich faszinierte dabei nicht die technische Perfektion, sondern die Atmosphäre, dass Raue und Ungeschliffene. Eine Band, die man von produzierten Alben kennt, spielte in einer Proberaumsituation. Nicht perfekt und makellos. Es gab Kameras unterschiedlicher Qualität, eine unmittelbare Nähe und eine besondere Konzentration auf den Augenblick.

Gleichzeitig musste ich an die legendären John-Peel-Sessions (https://www.bbc.co.uk/radio1/johnpeel/sessions/) denken. Dort spielten Bands 3-4 ihrer Stücke live im Studio ein – nicht als Konzert vor Publikum, sondern in einer Studiosituation. Die Aufnahmen wurden später im Radio gesendet, doch sie bewahrten den Charakter einer echten Live-Performance. Diese Verbindung aus Studioarbeit und Unmittelbarkeit hat mich fasziniert.

Aus diesen Gedanken entwickelte ich FF-Livecast.

Dabei ging es mir nie in erster Linie um Streaming-Technik. Natürlich hat mich die technische Seite begeistert. Ich experimentierte zunächst mit FireWire-Kameras und VidBlaster in der Trial Version als Streamingsoftware, die Live-Regie mit mehreren Kameras (3) ermöglichten. Doch die Technik war für mich immer nur das Werkzeug.

Im Mittelpunkt stand die Frage:

Was passiert mit Musik, wenn sie genau in dem Moment entsteht, in dem sie erlebt wird – ohne Netz und doppelten Boden?

Mich interessierte die Authentizität des Augenblicks. Nicht die Perfektion eines nachbearbeiteten Videos, sondern die Bereitschaft, Fehler zuzulassen. Diese Performance sollte nicht nachträglich korrigiert werden. Was geschah, geschah. Genau darin lag ihre Wahrheit, Authentizität, Charme und Menschlichkeit.

Ein Konzert lebt von der Wechselwirkung zwischen Bühne und Publikum. Musiker und Zuhörer beeinflussen sich gegenseitig. Ein Livestream dagegen schafft eine völlig andere Situation. Die Musiker befinden sich allein in einem Raum. Es gibt keinen Applaus, keine unmittelbare Reaktion, keine sichtbaren Gesichter. Man weiß nur, dass irgendwo Menschen zusehen.

Diese Abwesenheit von direkter Resonanz verändert die Performance. Sie macht sie verletzlicher und gleichzeitig konzentrierter. Genau diese besondere Situation wollte ich sichtbar machen.

FF-Livecast sollte deshalb keine Fernsehproduktion sein und auch kein Ersatz für ein Konzert. Es war vielmehr der Versuch, einen unwiederholbaren Moment festzuhalten. Jede Aufführung konnte großartig werden oder scheitern. Beides gehörte dazu.

Mit FF-Livecast entstanden einige Streams – unter anderem mit Edy Edwards, den Muddy Echoes, <N> (Hellmut Neidhardt) und Bolt mit Ninemiles. Leider wurden die Übertragungen über justin.tv veröffentlicht, das später seinen Betrieb einstellte. Da ich die Streams damals nicht archivierte, gingen sie verloren. Lediglich von einer Performance und einem Interview gibt es noch Aufzeichnungen.

Als während der Corona-Pandemie Livestreams plötzlich überall zum Alltag wurden, hätte FF-Livecast eigentlich seinen großen Moment haben können. Das technische Angebot war gewachsen, und der Bedarf schien größer denn je.

Paradoxerweise verlor ich genau in diesem Moment das Interesse.

Heute glaube ich zu verstehen, warum.

Die Bedeutung des Streamings hatte sich verändert. Was mich ursprünglich als künstlerische Fragestellung interessierte, wurde nun vielerorts zur Notwendigkeit. Livestreams dienten häufig als Ersatz für Konzerte, weil es keine Alternative gab.

Mein ursprünglicher Gedanke war jedoch ein anderer.

Ich wollte nicht eine Lösung für ein Problem anbieten. Ich wollte einen Raum schaffen, in dem Musiker sich bewusst auf die Unsicherheit des Augenblicks einlassen. Nicht trotz der Möglichkeit des Scheiterns, sondern gerade wegen ihr.

Vielleicht ist das der eigentliche Kern von FF-Livecast.

Nicht Kameras, Technik oder das Streaming, sondern die Überzeugung, dass Musik dann besonders lebendig wird, wenn sie den Mut hat, unvollkommen, roh und nackt zu sein.

Dokumentationsmaterial:

Ursprüngliche Ankündigung Homepage:

„Wir übertragen Studiosessions ausgewählter Acts live ins Web.
Der Act performt live, ohne Publikum, ungeschnitten und ungeschminkt.

Lernt so über ff-livecast Qualitäten neuer und unbekannter Bands kennen oder beobachtet euren lokalen Lieblingsact bei dieser besonderen Art des Performens.“

Live ins Web – live dabei“

Die Idee, das Konzept

FF-Livecast – Konzept

FF-Livecast ist ein unabhängiges Livemusikformat, das Künstlerinnen und Künstler in einer authentischen Studio- bzw. Proberaumatmosphäre präsentiert. Im Mittelpunkt steht nicht die Perfektion einer aufwendig produzierten Videoproduktion, sondern die unmittelbare Live-Situation – mit all ihren Stärken, ihrer Spontaneität und auch ihren möglichen Unvollkommenheiten.

Jede Ausgabe besteht aus zwei Bestandteilen: einem persönlichen Gespräch („Auf der Couch“) mit den eingeladenen Musikerinnen und Musikern sowie einer anschließenden Live-Performance von bis zu 45 Minuten. Ziel ist es, sowohl die Menschen hinter der Musik als auch ihre künstlerische Arbeit in einem konzentrierten und unverfälschten Rahmen vorzustellen.

Die Übertragung erfolgt öffentlich und ohne Bezahlschranke. Zuschauerinnen und Zuschauer können die auftretenden Künstler freiwillig durch Spenden unterstützen. Zusätzlich werden die Konzerte audiotechnisch als Multitrack mitgeschnitten, sodass den Bands das aufgezeichnete Material zur weiteren Nutzung zur Verfügung gestellt werden kann.

FF-Livecast versteht sich nicht als Ersatz für ein Konzert oder als klassische Fernsehproduktion. Das Format untersucht vielmehr die besondere Situation einer Live-Performance ohne anwesendes Publikum – einen unwiederholbaren Moment zwischen Studioaufnahme und Konzert, in dem Authentizität, Konzentration und Präsenz wichtiger sind als Perfektion.

Session1: Edy Edwards
09.10.2011 „Auf der Couch“ & 13.10.2011 Livestream

http://www.edy-edwards.de/

„Heute steht Edy Edwards schon einmal Rede und Antwort bei „Auf der Couch“. Ab ca. 15:30 bzw. 16 Uhr ( je nach technischem Vorlauf ) könnt ihr live dabei sein.“

Session 2: Muddy Echoes 09.09.2012

www.youtube.com/@MuddyEchoes

The Muddy Echoes aus Gelsenkirchen:
3 sogenannte HM – Rocker (?) die sich entschlossen haben in deiner WG zusammen zu leiden und ihren Comedy Weltschmerz auf deine Platten zu pressen.

Die Generation Y wird erschlagen und bedient.
Liebe wird praktiziert und gefingert.
Zeitreisen, WG Kriege,Fehltritte werden besungen gleichtzeitig
analysiert und weggeschmissen.

Session 3: <N> 16.09.2012

Session 4: [BOLT] & NINEMILES 17.02.2013

Session 5: SCHWARZFRY 06.10.2013 (ausgefallen)

Die Band Schwarzfry gründete sich Ende 2012 und spielt stürmischen Indie-Rock mit deutschen Texten. In den letzten 8 Monaten haben die 5 Jungs aus dem Ruhrgebiet nicht nur an neuen Songs gearbeitet, sondern auch an ihrem Debüt Album gefeilt. Das Album „Rost“ erschien im Juni in Eigenregie und bietet einen guten Einblick in die Colt Seavers des deutschen Indie-Rocks. Momentan plant die Band ihre nächsten Konzerte… und eines ist auf ff-livecast !